Zwölf Männer im Schnee: Reflexionswochenende der Neoingressi in Mespelbrunn

Der Jahresbeginn, die kalten Wintertage – das ist eine gute Zeit für Einkehr, Nachdenklichkeiten, Rückblicke und Vorausschau. Deshalb fahren die neu eingetretenen Priesterkandidaten von Sankt Georgen, wir Neoingressi, traditionell jedes Jahr im Januar nach Mespelbrunn im Spessart zu einem Reflexionswochenende im Landhaus des Priesterseminars. Vom 22. bis zum 24. Januar zogen wieder neun Seminaristen samt Regens, Subregens und Spiritual in das alte ehemalige Pfarrhaus, das recht idyllisch nahe dem Wasserschloss Mespelbrunn in einem stillen Waldwinkel liegt.

Bereits während des propädeutischen Vorkurses im September des vergangenen Jahres im Haus Hoheneichen bei Dresden hatten wir uns kennengelernt und waren rasch zu einer vertrauten Gemeinschaft geworden, die sich dann auch während der ersten Monate in Sankt Georgen unter den manchmal sehr hohen Anforderungen des Studiums bewährt hatte. Wir Neuen waren uns selbst also gar nicht mehr so neu.

Deshalb war am Wochenende in Mespelbrunn das Zusammenleben mit gemeinsamen Unternehmungen, mit Einkaufen, Kochen, Abwaschen, Ofenheizen so selbstverständlich, vertraut und froh wie in einer eingespielten großen Familie. Diese Vertrautheit kam auch dem eigentlichen Anliegen unseres Treffens zugute – der Reflexion. Wir tauschten uns offen, sehr ernsthaft und intensiv über unsere Eindrücke und ersten Erfahrungen im Priesterseminar aus, insbesondere über unseren geistlichen Weg, unser Leben in der Seminargemeinschaft, das Studium der Theologie und unser diakonisches Engagement. Es zeigte sich, dass wir bei allen natürlichen Anfangsschwierigkeiten gut in Sankt Georgen angekommen sind und optimistisch in die Zukunft schauen dürfen. Zu den gemeinsamen Gebets- und Gottesdienstzeiten legten wir unsere Hoffnungen, Sorgen und Wünsche in Gottes Hände und gedachten der gesamten Seminargemeinschaft sowie aller Lehrenden und Studierenden von Sankt Georgen.

Mespelbrunn war in diesen Tagen tief verschneit. Ein heller Silbermond und die Sage, dass sich hier, in diesem Waldtal, Wilhelm Hauffs berühmte Geschichte vom Wirtshaus im Spessart zugetragen habe, legten noch einen zusätzlichen Zauber auf unsere Spaziergänge im Schnee, die uns an Kreuzwegstationen, kleinen Waldkapellen und Klausen – Zeugnissen lebendiger fränkischer Volksfrömmigkeit – vorbeiführten. Wir feierten die Heilige Messe in der Wallfahrtskirche Hessenthal und sahen dort die beeindruckende spätgotische Kreuzigungsgruppe von Hans Backoffen und die „Beweinung Christi“, die dem Umfeld des frühen Tilman Riemenschneider zugeschrieben wird. Und all dies, die Landschaft im Schnee, der Mond, die fahle Wintersonne, die Geschichten, die Klausen und Wegkreuze, der zugleich derbe und zarte fränkische Glaube und der Weg, den wir hier gegangen waren, schien in die Heilige Messe einzustimmen.

Zuhause im Pfarrhaus ging das leise knackende und duftende Holzfeuer im großen Kachelofen nie aus. Hier saßen wir gerne zu den Mahlzeiten und an den Abenden. Und hier wurden wir Zeugen des vorzüglichen Käse-Fondues, das längst zu den großen Legenden von Mespelbrunn gehört und das sich unter der Anleitung unseres Spirituals Pater Schneider nach dem alten spirituellen Gesetz des Handelns durch Nichthandeln wie von selbst zu bereiten schien. Und wir können bestätigen: Alles Sagenhafte, das sich von jeher um den Fondue-Abend als dem geheimen Höhepunkt der Tage von Mespelbrunn rankt, alles ist wahr.

Vor unserer Rückkehr nach Frankfurt besuchten wir noch einmal die Wallfahrtskirche Hessenthal. In der Gnadenkapelle mit einer alten volkstümlichen Pietà als Gnadenbild brachten wir erneut die Nachdenklichkeiten, Überlegungen und Erfahrungen unseres Reflexionswochenendes und alle unsere gemeinschaftlichen und persönlichen Anliegen vor die Gottesmutter und ihren Sohn. Wie war es mit uns in Mespelbrunn? Nun, wir waren laut, und wir waren leise. Wir wären gerne noch geblieben. Und kehrten doch auch wieder gerne nach Sankt Georgen zurück.

24.01.2016
Klaus Jena