"In jedem Christen steckt ein kleiner Jude"

Beim Thematischen Wochenende im November beschäftigten wir uns mit dem Judentum. Es stand ein Besuch der Stadt Worms an, bei dem sich die Seminargemeinschaft auf christliche und jüdische Spurensuche begeben hat. Unter anderem stand der Besuch des Domes, des jüdischen Friedhofs „Heiliger Sand“ und der jüdischen Synagoge an. Am Sonntag besuchte dann Rabbi Andrew Steiman das Priesterseminar Sankt Georgen.

Jenseits von Vorlesungen und wissenschaftlicher Durchdringung greift das Priesterseminar Sankt Georgen jeweils im November ein theologisches bzw. ein pastorales Thema auf. Es geht darum, die Sache gerade nicht abstrakt-universitär, sondern in konkreter Anschauung und Begegnung anzugehen. Vom 15. bis 17. November stand das Thema Judentum auf dem Plan. Einen lockeren Einstieg bot der auf der einerseits lustige, aber auch hintergründige Film „Keeping the Faith“ - Glaube ist alles (in den Hauptrollen mit Edward Norton und Ben Stiller). Es gab einiges zu lachen, aber auch manches zu bedenken in den Auseinandersetzungen zwischen einem Rabbi und Kaplan in New York.

Das jüdische Worms

Am Samstagmorgen brach die Seminargemeinschaft nach Worms auf: Eine mittelrheinische Domstadt mit jüdischen und christlichen Prägungen auf römischen Fundamenten, was schon der Gang vom Bahnhof zum Zentrum augenscheinlich werden lässt. Nach der Feier der Eucharistie im Dom ging es zum alten jüdischen Friedhof „Heiliger Sand“. Nachdenklich und andächtig schritt die Gemeinschaft in Stille zwischen den hunderten von Grabstätten zwischen dem 11. und dem 20. Jahrhundert. Was mögen diese Generationen der Juden in Worms – nicht zuletzt durch Christen - erlebt und durchgemacht haben? Ein Text von Martin Buber, der am 14. Januar 1933 noch einmal den Wormser Judenfriedhof besuchte, rundete den Besuch ab. Im Anschluss besuchte die Seminargemeinschaft die parallel zum Dom erbaute Wormser Synagoge.

Nach ein wenig Zeit zur eigenen Gestaltung, die manche aus dem Seminar nutzen um sich bei einer Tasse Kaffee aufzuwärmen und um über das Erlebte zu sprechen, ging es zur Vesper bei den Dominikanern und zum Abschluss des Tages in ein italienisches Ristorante. Im Anschluss besuchte die Seminargemeinschaft die parallel zum Dom erbaute Wormser Synagoge.

Die Begegnung mit einem Rabbi

Am Sonntag besuchte nach der Gemeinschaftsmesse Rabbi Andrew Steiman von der Budge-Stiftung in Frankfurt das Priesterseminar. Lebendig und sprudelnd erzählte vom Glauben seiner Väter und seinem persönlichen Glaubensweg. Das Gespräch ließ deutlich werden, dass im Dialog zwischen Juden und Christen Aspekte offen und unbeantwortet bleiben dürfen. Die gemeinsamen Wurzeln des Glaubens verbinden auch angesichts der Abgründe der Geschichte und rufen zur Verantwortung. In dieser Weise brachte Rabbi Steiman beim gemeinsamen Spaziergang durch den Sankt Georgener Park die Sache auf den Punkt: „In jedem Christen steckt immer auch ein kleiner Jude“. Rabbi Steiman erzählte auch von seinem Ringen um eine angemessene Orthodoxie als Mensch und als Seelsorger im heutigen Deutschland. Bis heute leben Juden in diesem Land aufgrund der Shoah in einer Ausnahmesituation. Nicht zuletzt durch öffentliche Diskurse wie die Beschneidungsdebatte scheint immer wieder auf, dass sich Juden noch heute in Deutschland unerwünscht fühlen können.

Für einen Priesterkandidaten war dieses Wochenende voll von wichtigen Erlebnissen und Erfahrungen, insbesondere bei den lebendigen Gesprächen mit Rabbi Steiman. Es darf nie vergessen werden, das wir Christen unsere Wurzeln im Judentum haben. Immerhin teilen wir uns mit den Juden mehr als die Hälfte der Heiligen Schrift. Bleibt zu hoffen, dass wir Rabbi Steiman an diesem Sonntag ein Gefühl der Akzeptanz und des Willkommenseins im Diskurs vermitteln konnten und freue mich über die Verbundenheit und weitere Begegnungen mit ihm und unseren jüdischen Geschwistern.

In diesem Sinne: Schalom!

20.11.2013
Christian Lüdke