Amen, Ende oder Neuanfang?

Glaube und Struktur, Christentum und Kirche, Berufung und (Seminar-)Ausbildung - diese Paare bedingen einander und stehen doch auch in einem Spannungsverhältnis, dem wir in den letzten Tagen nachspürten.

Den Auftakt bildete die ordentliche Hausversammlung am Mittwoch. Da alle Macht beim Regens liegt, kann sie zwar keine bindenden Beschlüsse fassen, stellt aber doch einen gewissen Freiraum dar. So wurde ein buntes Sammelsurium an Themen behandelt, angefangen von einem Semesterrückblick (ja, die Wasser sind jetzt wirklich aus allen Fluren gewichen…), über Abnickpunkte wie die Entlastung unserer stets zuverlässigen Kassenwärter und –Prüfer, Strukturfragen (Wie lange muss man im Seminar gewesen sein, um Sprecher werden zu können?) zu Praktischem mit geistlichem Hintergrund (Welche Zeitungen wollen wir lesen? Wie gesund und nachhaltig ist unsere Ernährung? Wie ist es um unsere Gastfreundschaft und Gemeinschaft bestellt? Starten wir mit einer Komplet oder Laudes gemeinsam in die Woche?). Zum Schluss ging es sogar um Leben und Tod (Brandschutzvorschriften). Erstmal ging es danach aber um Schlaf, da am nächsten Morgen wieder ein Fest im Alltag anstand…

Am Freitag durchbrachen wir die übliche Recollectio-Ordnung und gingen vor dem Rückzug in die Stille noch einmal in die Welt hinaus, zur Podiumsdiskussion mit Thomas Frings, Wolfgang Beck und Werner Portugall im Haus am Dom. Vor Ort stellten sich die Einschätzungen aber als weniger dramatisch heraus, als es der Titel von Thomas Frings‘ letztem Buch (Aus, Amen, Ende?) erwarten ließ. Klar, die Probleme der Kirche (abnehmende Mitgliedschaft, Glaubenspraxis usw.) sind im Wesentlichen bekannt – worauf es vielmehr anzukommen scheint, ist die von Frings angestoßene breite, offene und konstruktive Debatte jenseits von Zölibat und Frauenordination (die Rolle der Frau in der katholischen Kirche wurde von der Moderatorin eingebracht, vom Podium aber nicht aufgegriffen). Im Verlauf einer solchen breiten Diskussion zeigen sich allerdings auch andere Perspektiven, aus denen die notwendigen Umstrukturierungsmaßnahmen als Chance für die Kirche begriffen werden können, einen neuen Anschluss an die moderne Gesellschaft zu finden (Portugall). Wolfgang Beck machte die Frage stark, wie die Kirche den Menschen dienen könne, und zwar nicht nur ihren Mitgliedern.

In der Recollectio waltete dann ab Samstag der Pater Spiritual seines Amtes und legte den Schwerpunkt auf die andere Hälfte des Doppelgebots, die Gottesliebe. Inwiefern handele es sich bei den Strukturproblemen der Kirche nicht (auch) um eine Glaubenskrise?

Solchermaßen präpariert waren wir am Sonntag dann reif für den pastoralen Einsatz und brachen in verschiedene Gemeinden auf, um uns ein Bild vor Ort zu machen, Glaubenszeugnisse abzugeben und miteinander ins Gespräch zu kommen.

30.04.2017
RB